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DAB+ in Norwegen – ein voller Erfolg (???)

2017 war das Jahr der UKW Abschaltung in Norwegen – jetzt ist Zeit Bilanz zu ziehen. Norwegen hat in einem realen 1:1 Experiment etwas gemacht, wovor alle anderen Länder bislang zurückgescheut sind: Zwar ist das UKW-Band nicht völlig stillgelegt, es gibt noch zahlreiche Lokalstationen die analog weitersenden, aber die großen drei Radiogruppen, der staatliche NRK, die Bauer Group rund um ihren Sender Radio Norge und die MTG Gruppe rund um den Sender P4 sind nur mehr digital zu empfangen.

„Ein voller Erfolg“ bilanziert die deutsche Interessensgruppe „Digitalradio Deutschland“ das norwegische Rundfunkjahr 2017. 85 Prozent der norwegischen Haushalte haben demnach  ein oder mehrere DAB+ Geräte, die technische Reichweite sowohl der privaten als auch der öffentlich-rechtlichen Sender liegt bei deutlich über 90%.

Wie aber haben sich die Reichweiten von Radio gesamt, den einzelnen Radiogruppen sowie einzelner Radiosender entwickelt? Mit etwas Mühe lässt sich das herausfinden – und es zeigt sich ein durchaus spannendes Bild.

Die Antwort findet sich auf der Website des offiziellen norwegischen Radiomarktforschungsinstituts, Kantar TNS. Kantar misst die Reichweiten der großen Sender elektronisch, mit dem Portable People Meter (PPM). Dabei wird gemessen, welchen Radioprogrammen der Hörer tatsächlich akustisch ausgesetzt war (egal ob zwangsbeschallt oder freiwillig), im Unterschied zu Deutschland oder Österreich (in beiden Fällen Telefonumfrage) beruht die Reichweiten-Messung damit nicht auf einer Erinnerungsleistung. Gemessen wird übrigens nicht nur DAB+ Verbreitung, sondern auch Streaming Verbreitung sowie Verbreitung über Digital TV.

Diese Daten werden Woche für Woche veröffentlicht; ältere Daten sind zwar nicht mehr verlinkt, aber trotzdem abrufbar, wenn man die URL im Browser entsprechend modifiziert – so kommt man zurück bis zum März 2016 (Kalenderwoche 10).

Es zeigt sich dabei folgendes Bild:

reach norway 16-18

Die Gesamtreichweite von Radio ist tendenziell gefallen. Aber natürlich muss man dabei berücksichtigen, dass es auch saisonale Effekte gibt: Im Sommer und über Weihnachten wird tendenziell weniger Radio gehört.

Weitere Peaks kommen durch die UKW Abschaltungen zustande. In Norwegen wurde ja nicht auf einen Schlag das gesamte UKW Netz abgedreht, sondern Region für Region – und dann auch noch meistens der öffentlich-rechtliche NRK vor den privaten Mitbetreibern.

Die skandinavische Branchenwebite Radioassistant beschreibt das in einer übersichtlichen Grafik:

Die stärkste Auswirkung hatte die Abschaltung in Oslo; am 20.09. für den NRK, sowie am 8.12. für die Privatradios. Mit etwa 34% der norwegischen Bevölkerung war die Hauptstadt plus Umland der größte Brocken. Entsprechend sieht man das Ergebnis auch in den gesamt-norwegischen Daten:

nrkthick

Sieht man sich die prozentuelle Veränderung 2016 auf 2017 an, so sieht man die Auswirkungen der Abschaltung für den NRK (20.9. entspricht KW 38) entsprechend deutlicher:

nrkverlust

Für die privaten Mitbewerber natürlich zuerst einmal kein tiefer Grund für Trauer: Schließlich konnte man ja (mit dem Programm P4 (MTG) und Radio Norge (Bauer)) noch bis zum 8.12. in Oslo auf UKW weitersenden.

Für P4 ist es dann wie folgt gelaufen (der 8.12. war Freitag in KW 49)

p420162017

Prozentuell bedeutet das:

p4entwicklung

Auch hier ist die Abschaltung in Oslo (KW49, KW50) klar erkennbar. Hingegen hat die Abschaltung des staatlichen Mitbewerbers NRK in der KW 38 keinen sonderlich starken Einfluss auf die gesamt-norwegischen Zahlen, hier konnte P4 nicht profitieren.

Auch beim kleineren Privatradio – Radio Norge – war der Effekt durchaus spürbar:

norge

Und auch hier wieder die prozentuelle Veränderung 2016 auf 2017:

norge1617

Vor der Abschaltung in Oslo hatte Radio Norge im gesamten Norwegen ein Minus von knapp 40%, danach waren es über 60%. Auch Radio Norge konnte ebenfalls nicht von der Phase profitieren, in der der NRK bereits auf UKW abgeschaltet war, und man selbst noch weitersenden konnte.

Natürlich war der Fokus der drei marktbeherrschenden Sendegruppen nicht auf ihre einzelnen UKW-Sender gerichtet, sondern darauf, als Sendergruppe mit neuen zusätzlichen Digital-Programmen erfolgreich zu sein, und damit in Summe zu wachsen. Da es für das Jahr 2016 in der oben zitierten Quelle keine Tagesreichweiten-Werte für die Sendergruppen nach Kalenderwochen gibt, müssen wir uns hier mit einem Vergleich 2017 und 2018 behelfen, denn für die ersten  4 Kalenderwochen sind die Daten bereits veröffentlicht:

radiogroupsAlle Radiogruppen haben demnach 2018 bislang eine rückläufige Entwicklung; es gibt um gut 15% weniger Radiohörer; NRK und die beiden kommerziellen Sendergruppen P4 und Bauer haben je nach Woche zwischen 15 und 25% – jeweils im Vergleich zum Vorjahr – verloren. Und zwar inklusive aller ihrer neuen Digitalsender wie P5 Hits, P6 Rock, Radio Soft oder NRK mP3. Etwa 25 nationale Sender haben heute zusammen um 15% weniger Radiohörer als 5 Sender vor der UKW Abschaltung.

Ein voller Erfolg, wie die DAB Lobbyisten schreiben? Bislang – laut den offiziellen Reichweitendaten – eher nicht. Kann es noch einer werden? Vielleicht.

Für die drei Radiogruppen hat es sich aber aus anderer Sicht gelohnt: Der nationale norwegische Markt ist von ihnen jetzt bis in die kleinste Ritze abgedeckt, ein möglicher Markteintritt eines neuen Players ist de-facto unmöglich. Pluralismus à la DAB.

 

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UKW Abschaltung in Norwegen: Jugendprogramm P3 verliert ein Drittel seiner Hörer.

Die UKW Abschaltung in Norwegen führt zu starken Verlusten bei den etablierten Radiostationen, wie aktuelle Daten des Marktforschers TNS zeigen. In Norwegen werden die – elektronisch mit PPM (Personal People Meter) gemessenen – Daten wöchentlich veröffentlicht, die Website Radionytt.no hat die Daten der Kalenderwoche 33 des Jahres 2017 mit 2016 verglichen. 

Insgesamt hat der staatliche NRK 14% seiner Tagesreichweite verloren. Bei den einzelnen Programmen gibt es aber deutliche Unterschiede:

NRK P1 (AC, Information) verliert rund 20% seiner Hörer, von 33,4% auf 27,6% Tagesreichweite, NRK P2 (Kultur) sinkt nur leicht von 5,7% auf 5,3%, NRK P3 (Zielgruppe 15-30, CHR) verliert ein Drittel seiner Hörer von 12% auf 7,8% Tagesreichweite.

Stärkere Nutzung von reinen DAB+ Kanälen, die der NRK anbietet, kann diese Rückgänge nicht kompensieren. P1+ (Ableger von P1 für Erwachsene) legt zwar von 3,7% auf 6,3% zu, die anderen digitalen Kanäle von NRK bleiben in etwa gleich.

Rückgänge auch bei Privaten

Auch bei den landesweiten Privatradios P4 (gehört zu MTG) und Radio Norge (Bauer Group) gibt es Rückgänge: P4 verliert rund ein Fünftel (20,3% auf 16,3%), Radio Norge rund ein Drittel (13% auf 8,6%) seiner Hörer; es gibt jedoch Steigerungen bei den von den beiden Gruppen betriebenen Digitalradios; zum Beispiel P5 von 3,5% auf 5,4% und Radio Rock von 1,1% auf 2,5%.

In Summe ist die Zahl der Radiohörer über alle Plattformen (also inklusive UKW, wo es noch existiert, als auch über Stream, DAB+ und TV) in Norwegen um 5,4% gesunken.

Weitere Rückgänge stehen dem norwegischen Radio noch bevor

Warum liegt nun der NRK mit 14% Rückgang deutlich schlechter als der Gesamtmarkt mit 5,4% Rückgang? Die Antwort darauf ist der Abschaltzeitplan, der pro Region definiert ist und bei dem der NRK meist vor den Privatradios UKW abschaltet.

In der KW 34 sah es dabei so aus: Der NRK war von 61,6 Prozent der Bevölkerung nicht mehr über UKW zu empfangen, die privaten P4 und Radio Norge hingegen nur von 34,8%. In der bevölkerungsreichsten Region rund um Oslo senden vorläufig noch alle UKW Programme, hier erfolgt die Abschaltung am 20. September (NRK) beziehungsweise am 8. Dezember (P4, Radio Norge). Ab dem 13. Dezember werden dann alle landesweiten UKW Programme nur mehr über DAB+ zu empfangen sein, danach wird klar sein, wie stark der Rückgang der Radionutzung tatsächlich ist.

Mein Learning aus den Zahlen:

  1. UKW Abschaltung verringert die Tagesreichweite von Radio erheblich.
  2. Zusätzliche Kanäle können diese Verluste vermindern, aber nicht verhindern.
  3. Bei jungen Kanälen scheint das Problem größer zu sein als bei älteren.
  4. DAB+ ist damit keine ökonomisch sinnvolle Antwort auf die Herausforderung durch Streamingdienste.