Broad(?)cast, DAB

DAB in Großbritannien: Langsames Wachstum

Großbritannien gilt weltweit – gemeinsam mit Norwegen – als das DAB Musterland: Immerhin haben knapp 50% der Haushalte zumindest ein DAB Empfangsgerät; und zwei Drittel aller neuen Autos haben bereits ein DAB Gerät eingebaut.

Soeben ist der jährliche Communications Market Report der Ofcom erschienen –  ein sehr ausführlicher Report über den Status der Kommunikationsbranche in Großbritannien.

Beim Thema DAB (in Großbritannien ohne Plus) zeigt sich ein gemischtes Bild: Einerseits ist das Wachstum beim Geräteverkauf auf Rekordtief, andererseits ist der Anteil von DAB am gesamten Hörvolumen stärker als zuvor gestiegen.

Hier die Zahlen im Einzelnen:

Die Haushaltsausstattung hat (Q1 14 zu Q1 15) auf 49% zugenommen, das ist zwar im Vergleich zu anderen Märkten viel, aber das schwächste Wachstum seit Beginn der Aufzeichnungen vor 10 Jahren.

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Abbildung: Jährliches Wachstum der Anzahl der Haushalte mit DAB Gerät, Quelle: Ofcom Communications Market Reports 2006-2015

Das jährliche Wachstum (bezogen auf den Bestand des Vorjahres) lag bis 2009 noch recht hoch, hat aber jedes Jahr abgenommen, und pendelt jetzt um die 5%, aktuell sind es 2,3%.

Demgegenüber ist das DAB-Hörvolumen um immerhin 9,3 Prozent (gemessen am Wert des Vorjahres) auf 25,9 Prozent am gesamten Radiokonsum gestiegen. Das bedeutet aber auch trivialerweise, dass knapp drei Viertel der in Summe konsumierten Radio-Minuten nicht über DAB gehört wurden.

Übrigens: Beachtlich ist in Großbritannien nach wie vor der Umsatz pro Hörer (Unterschiedliche Hörer pro Woche – bei uns entspricht das dem weitesten Hörerkreis) schaue:14,14 Pfund; okay, es ist ein Bruttowert, lass es 10 Pfund Netto sein – dann sind es noch immer um ca. 50% mehr als in Österreich.

DAB

Auto mit DAB hacken – Geht das wirklich?

Ein Hacker legt eine ganze Stadt lahm, weil er mit einem DAB Sender über die Autoradios in die Steuerung tausender Autos eindringt: Was wie Science Fiction klingt, soll laut Story in der Tageszeitung Der Standard bereits möglich sein: Es solle Sicherheitsexperten der Firma NCC – laut BBC – gelungen sein, von außen Kontrolle über ein Fahrzeug zu übernehmen, und zwar über Digitalradio, so Der Standard.

Im Original bei der BBC liest es sich freilich weniger dramatisch:

„NCC demonstrated part of its technique to BBC Radio 4’s PM programme at its offices in Cheltenham.

By using relatively cheap off-the-shelf components connected to a laptop, the company’s research director, Andy Davis, created a DAB station.

Because infotainment systems processed DAB data to display text and pictures on car dashboard screens, he said, an attacker could send code that would let them take over the system.

Once an infotainment system had been compromised, he said, an attacker could potentially use it as a way to control more critical systems, including steering and braking.“

Learning 1: Piratenradio ist also über DAB mit einfachen Mitteln möglich (sympathisch!)

Learning 2: Vielleicht kann man damit auch das Auto knacken (vage Möglichkeit)

Also noch viel Konjunktiv: Sind Entertainment System und Motorsteuerung beim betreffenden Auto wirklich verbunden? Bei einem Nachrüst-Gerät wohl eher unwahrscheinlich.

Gelingt es tatsächlich, durch DAB ins das Steuersystem einzudringen? Nicht unmöglich, aber noch unbewiesen. Warum nicht unmöglich? Das Wired Magazin hat vor kurzem über einen Hack berichtet, bei dem ein Fiat Chrysler Jeep über GSM via Entertainment System gehackt wurde – hier das Video dazu:

Wesentlicher Unterschied: Beim Wired Hack gibt es eine IP-Verbindung (inklusive Rückkanal), bei einem reinen DAB Radio nicht. Das Ausschalten oder Manipulieren einzelner Auto-Komponenten ohne IP-Verbindung wird für Hacker sicher deutlich schwieriger.

Broad(?)cast, DAB

DAB+ braucht viel Frequenzspektrum für wenige Programme

Aus der losen Serie – DAB(+) Mythen und die Wirklichkeit: Spektrale Effizienz. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich die Frage, wie viele Radioprogramme wie viele Megaherz an Bandbreite verbrauchen.

Als Beispiel: Auf UKW in Wien lassen sich 15 Ortssender empfangen, das UKW Band geht von 87,5 MHz bis 108 MHz, macht also 20,5 MHz Bandbreite, ein Programm braucht damit rein rechnerisch 1,36 MHz (technisch wären nur 0,4 MHz notwendig, aber die eher ineffiziente Planung führt zu dieser Verschwendung).

Auf DAB+ bringen wir auf einem Kanal mit der Bandbreite von 1,7 MHz immerhin 16 Programme unter, macht 0,1 MHz pro Kanal; DAB+ ist damit viermal effizienter als UKW.

Soweit die gute Nachricht.

Vergleicht man aber die spektrale Effizienz von DAB mit anderen digitalen Übertragungsverfahren, so schaut die Sache schon anders aus. Digitale Empfangswege lassen sich – in Sachen spektraler Effizienz – einfach durch die übertragenen Bit/s  pro Hz vergleichen: Je mehr Daten ich pro Bandbreite unterbringe, desto effizienter wird es.

DAB erreicht hier einen Wert von 0,34 bis 0,67 bit/s/Hz – wenn Gleichwelle (für größere Sendegebiete) verwendet wird.

DVB-T erreicht ohne Gleichwelle 0,55; mit Gleichwelle typischerweise 2,8 – setzt aber beim mobilen Empfang in der Regel einen Tuner mit zwei Antenneneingängen voraus, hat also höheren Hardwareaufwand. Ist aber bei den meisten Autos, die DVB-T haben, ohnedies so verbaut.

LTE Broadcast (ebenfalls mit Gleichwelle) kommt laut Qualcom auf 2 bit/s/Hz, wäre damit etwa viermal effizienter als DAB – und auf Handys und Tablets empfangbar; auch mobiler Empfang stellt kein Problem dar.

Sollte man sich nicht damit mehr auseinandersetzen? Die EU Kommission hat das bereits getan – und hier einen interessanten Report veröffentlicht.

Fazit: Die Konvergenz von Broadcast und Broadband via LTE wird kommen – und das Window of Opportunity für DAB schließt sich.

Broad(?)cast, DAB

DAB+ lässt die Bayern ziemlich kalt – in einem Jahr 47 mal mehr UKW als DAB+ Radios in Betrieb gegangen

Gerade einmal 18.000 DAB+ Geräte sind in Bayern im letzten Jahr zusätzlich in Betrieb genommen worden, in der gleichen Zeit sind 800.000 analoge Radios hinzugekommen; das zeigt der Vergleich der Funkanalysen Bayern (FAB) für 2014 und 2015.

Denn heute ist die Funkanalyse Bayern 2015 bei den Lokalfunktagen in Nürnberg vorgestellt worden, und das ermöglicht interessante Vergleiche zur Adaption von DAB+.

2015 gibt es 849.000 DAB+ Empfänger in Gebrauch, 2014 waren es 831.000. Ein Zuwachs, der sich wahrscheinlich innerhalb der statistischen Schwankungsbreite bewegt.

Wie gering der Zuwachs ist, zeigt sich im Vergleich mit den UKW Empfängern: 2014 waren 25,422 Millionen UKW Radios in Gebrauch, 2015 waren es in Bayern 26,279 Millionen, das ist ein Zuwachs von 857.000 Geräten. Dabei werden übrigens UKW/DAB+ Kombi-Empfänger (und das sind praktisch alle DAB+ Radios) nicht mitgerechnet. Für jedes zusätzliche DAB+ Radio wurden 47 zusätzliche UKW Radios in Betrieb genommen.

Damit ist der Gerätemarktanteil von DAB+ bei den in Betrieb befindlichen Radios in Bayern sogar leicht – wohl innerhalb der statistischen Schwankungsbreite – gesunken:

Waren letztes Jahr noch 3,16%* aller Radios DAB+ fähig, so sind es dieses Jahr 3,13%.**

Berechnung: *831/(831+25422)  **849/(849+26279). 

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„DAB rentiert sich nicht in 50 Jahren“: Schweden will UKW jetzt doch nicht mehr abdrehen

Schweden bleibt bei UKW. Das hat die rot-grüne Regierungskoalition in Stockholm diese Woche beschlossen, berichtet der Radioconsulter „Radio Intelligence“.

Zu einem späteren Zeitpunkt sei die Digitalisierung jedoch weiterhin denkbar, so der Artikel weiter. Ursache für die Abkehr von der zwangsweisen DAB Einführung ist ein bereits im März veröffentlichter Bericht  des schwedischen Rechnungshofs, Riksrevisionen (National Audit Office, oder kurz: NAO).

Die Argumente des schwedischen Rechnungshofs sind dabei auch für Österreich spannend, zwei davon im folgenden:

1) Wahrscheinlich wird Internet die Entwicklung bestimmen, DAB+ bleibt eine Inseltechnologie: „According to technical experts there are good reasons to believe that internet-based technology will dominate developments and various technologies will merge. DAB+ technology is, however, a separate system that is not included in this development.“

2) Frequenzökonomie: Der derzeit für UKW verwendete Bereich setzt lange Antennen voraus, und die sind bei Smartphones und Tablets wenig attraktiv, so der Rechnungshof im schwedischen Originalbericht (Seite 62): „Mobilindustrin är knappast intresserad, eftersom antennerna i detta frekvensband är stora och opraktiska för mobila enheter som surfplattor och smarttelefoner.“ (The mobile industry is hardly interested, because the antennas in this band are large and impractical for mobile devices like tablets and smart phones).

Ein kleiner physikalischer Exkurs dazu: Die Länge einer Antenne hängt linear von der Wellenlänge ab; die Wellenlänge ist proportional zum Kehrwert der Frequenz (Wellenlänge = Lichtgeschwindigkeit/Frequenz); ist eine Frequenz 10-mal höher als eine andere, braucht sie eine 10-mal kleinere Antenne. Handys operieren in höheren Frequenzbereichen (ab 800 MHz), brauchen daher 8-mal kleinere Antennen als wenn sie im UKW Bereich operieren würden. Oder anders gesagt: Ein iPhone für das UKW Frequenzband wäre ziemlich unhandlich.

Während es für die digitale Nachnutzung eines abgeschalteten UKW Bandes also kein Szenario gibt, ist das DAB Band (Band III, in Schweden 174-240 MHz) durchaus attraktiv: Nämlich um digitales terrestrisches Fernsehen (DVB, DVB-T2) darin unterzubringen. Damit könnte nämlich das terrestrische Fernsehen wiederum höhere Frequenzen freimachen (um die 700 MHz), und damit wieder neue Frequenzen für den Mobilfunk freigemacht werden, die (weil um die 700 MHz) für Handys und Tablets nutzbar wären.

Zusammengefasst: Band II (87,5-108 MHz) bleibt UKW, DAB (Band III) wird für Fernsehen verwendet und damit werden wieder ein paar UHF Kanäle, die jetzt noch von Fernsehen genutzt werden, frei – und an Mobilfunker versteigert: „Samtidigt kan en del av det nuvarande frekvensutrymmet för digital-tv användas för mobilt bredband.“ (At the same time part of the current frequency space for digital television is used for mobile broadband).

Was bedeutet das für Österreich?

Wenn wir in Österreich den Hörfunk von UKW in DAB verlagern, passiert folgendes: Wir gewinnen 20,5 MHz Bandbreite im UKW Bereich (87,5-108 MHz, auch Band II genannt), und nutzen stattdessen für Hörfunk das Band III – 174 bis 230 MHz. Das sind 56 MHz Bandbreite.

Verwenden wir das Band III für Fernsehen und machen dafür andere, höhere Frequenzen frei (im UHF Band), die jetzt für Fernsehen verwendet werden, können wir im UHF Band 56 MHz frei machen – die dann an Mobilfunker versteigert werden können. Als Anhaltspunkt, was das bringen könnte, das Ergebnis der letzten Versteigerung: Da wurden 72 MHz aus dem TV Spektrum in Österreich um 2 Milliarden Euro an Mobilfunker versteigert, die 56 MHz wären damit gut 1,5 Milliarden Euro wert. Wenn wir DAB machen, und irgendwann UKW abschalten, wird das UKW Band frei, für das es keine Nachnutzungsszenarien – und damit auch keine Erlöse – gibt.

Mit der Einführung von DAB entgehen damit dem Staat (basierend auf der ersten LTE Auktion) 1,5 Milliarden Euro.

Der schwedische Rechnungshof hält jedenfalls fest: „The estimate does not cover all aspects, but indicates that a transition to terrestrial digital radio will entail macroeconomic risks and that it will probably not be cost-effective for the national economy, not even in a 50-year perspective, if the digital radio coordinator’s plan is followed“.

Broad(?)cast, DAB

DAB+ im Handy – so sieht das aktuelle Modell LG G3 DMB aus.

Wann funktioniert DAB+ endlich auch im iPhone, im Galaxy S oder am Nexus – das weiß niemand. Seit Jahren versuchen Radioveranstalter in der EU, den USA und Australien Gerätehersteller davon zu überzeugen, DAB/DAB+/HD/FM Radioempfänger in die Smartphones zu integrieren – bislang mit geringem Erfolg: Nur die wenigsten ausgelieferten Smartphones haben funktionierende Broadcast Empfänger.

Warum wäre das wichtig: Weil immer mehr Konsumenten Audio am Smartphone hören; oder wie es die EBU (Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Sender) formuliert:

„Smart Radio Objectives: The Smart Radio is all about giving radio a future in the digital economy and will facilitate the transition to digital radio. With today’s media convergence, audiences, and youth in particular, expect to listen to radio on their mobile telephones and tablets. The existence of hundreds of media apps underline this desire. While radio-only receivers are increasingly being replaced by more sophisticated devices, radio as a media continues to meet a strong consumer demand and will remain hugely popular as long as it is available on the devices used by audiences today and in the future.“

Radio als Programm löst sich also – laut EBU – ein Stück weit vom Empfangsgerät Radio und wird erfolgreich bleiben, wenn es auf den Geräten vertreten ist, die heute und in Zukunft verwendet werden – aus heutiger Sicht eben Smartphones.

Erfolgreicher läuft Broadcast am Handy in Südkorea: Dort ist Broadcast Handy TV via DMB erfolgreich, und so kommen von dort auch Modelle, die – geeignete Software vorausgesetzt DAB/DAB+ empfangen können: Die Broadcast Technologie (OFDM, PSK) ist gleich, nur der A/V Codec ist unterschiedlich – oder einfach gesagt: Softwareupdate auf ein DMB Phone, und schon läuft es als DAB+ Phone (allerdings nicht zwingendermaßen mit UKW).

Aussichtsreicher Kandidat ist derzeit das LG G3, hier ein kurzes Video. Ob die Ausziehantenne, die nur für DAB+ gebraucht wird, wirklich die Zustimmung der Anwender findet, wird sich weisen.

Broad(?)cast, DAB, Streaming

Was kostet eigentlich DAB+ oder Streaming – Verbreitung?

In der Diskussion um DAB+ vs. Streaming wird häufig das Argument gebraucht, dass Streaming gegenüber DAB+ deutlich teurer sein soll.

Kommt drauf an: Bei DAB+ sind die Empfangskosten von der Zahl der Hörer unabhängig, bei Streaming sind die Empfangskosten von der Bandbreite und damit von der Zahl der Hörer abhängig. (Zumindest, wenn man Feinheiten wie Verteilung beim Internetservice-Provider außer acht lässt, vergleiche zB die Netzarchitektur von aon-TV)

Kleiner Exkurs (skipbar 8-))

Warum ist das so: Bei Broadcast (DAB) gibt es eine forward-error-connection, vereinfacht gesagt wird das Gesendete zur Sicherheit mehrfach übertragen, wenn es zu einer Störung kommt, erkennt der Empfänger, dass es ein Problem gibt, wenn zB eine Prüfsumme nicht stimmt; bei Streaming fordert der Empfänger (hier gibt es ja einen Rückkanal) ein defektes Paket (erkannt zB an einer nicht übereinstimmenden Prüfsumme) einfach nochmal an, bis er es korrekt bekommt. Dadurch bekommt jeder Empfänger sein „eigenes“ Programm.

Die Szenarien für Österreich:

Nehmen wir einen erfolgreichen DAB Sender her, und zwar Absolute 80s aus Großbritannien. Der hat 0,9% Marktanteil und ist damit der erfolgreichste kommerzielle digital-only Sender – 15 Jahre nach Einführung von DAB in Großbritannien. In der besten Viertelstunde hat Radio in Österreich eine Reichweite von 2,4 Millionen Hörern, 1% davon sind dann 24.000 Hörer.

Wenn ich mal davon ausgehe, dass ich jeden Hörer mit 128kBit/s + 30% für ungenutztes Buffering versorge, komme ich auf runde 160kBit*24.000 = 3,8 GBit/s. 5 GBit/s  kosten aktuell etwa 5.000€ im Monat, oder 60.000 im Jahr. Eine österreichweite DAB+ Abdeckung  kostet pro Jahr sehr, sehr günstig geschätzt 200.000 Euro, und damit das dreifache.

Das bedeutet: Nach aktuellen Kosten ist Streaming erst bei 3-4% Marktanteil teurer als DAB+ – und die hat noch kein einziger DAB Sender in Großbritannien erreicht.

Berücksichtigt man dabei den Preisverfall bei Streaming, von 1999-2013 27% pro Jahr, und geht man davon aus, dass die Broadcast Kosten weitgehend stabil bleiben, so sind in fünf Jahren die Streamingkosten nur mehr 20% der heutigen Kosten, Streaming wäre also sogar bis 15% Marktanteil des Senders kompetitiv zu Broadcast.

DAB+ wäre nur einem Fall deutlich billiger als Streaming: Wenn man sofort (oder innerhalb der nächsten paar Jahre) die UKW Sender abschaltet, und sich jeder Hörer sofort mit DAB+ Geräten eindeckt – dann wäre DAB+ wirklich günstiger – abgesehen davon, dass dann wahrscheinlich die Branche ziemlich tot wäre.