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Praxistest: HD Radio – das amerikanische DAB+

Vergangene Woche war ich den den USA – und hatte in meinem Mietauto HD-Radio eingebaut. Da ich nach der  NAB Radio Show  noch ein wenig Zeit hatte, bin ich von Nashville über North Carolina nach Myrtle Beach (SC) gefahren, um das Wochenende noch am Meer zu verbringen. Auf dem etwa 10-stündigen Road-Trip im Volvo V60 T5 AWD hatte ich die Möglichkeit, ausführlich HD-Radio zu hören.

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HD Radio bringt – im Unterschied zu DAB+ – die digitalen Stationen im UKW Band zwischen 87,5 und 108 MHz unter – ohne dabei die bisherige Ausstrahlung von UKW Programmen einzuschränken. Auf dem Kanal eines analogen Hörfungprogramms haben die digitale Simultanausstrahlung des Programms sowie bis zu drei zusätzliche Digitalradioprogramme Platz.

So unterschiedlich die Technologie, so ähnlich die Erfolgskurve: HD-Radio ist etwa ähnlich erfolgreich (oder erfolglos), wie DAB+ in Deutschland. Wenige Konsumenten interessieren sich dafür, Smartphones und Streaming haben jeweils höhere Nutzung und Bekanntheit. Trotzdem gibt es in beiden Fällen bereits etliche Millionen verkaufte Exemplare, sodass erste Geschäftsmodelle in Reichweite rücken. In den USA spricht der Eigentümer der proprietären HD-Radio Technologie DTS von 40% Marktanteil in neuen Fahrzeugen; in einigen Gegenden wie Miami sollen schon 20% des Gesamtbestands an Autos mit HD-Radio ausgestattet sein.

DTS Chef Jon Kirchner hat auf der Radio Show allerdings das mangelnde Programmangebot beklagt, und hofft auf neue Investitionen der Programmbetreiber. Bislang wird HD Radio – nach einer Anfangseuphorie vor zehn Jahren – eher stiefmütterlich behandelt: Non-Stop Musikstationen ohne viel Marketing, Simulcast von Mittelwellen-Talksendern und Ausstrahlung von BBC Worldservice über einige NPR Stationen – das waren die Highlights, die mir auf meinem Roadtrip aufgefallen sind.

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Der Weg zu HD Radio ist für den Hörer aber auch etwas holprig. Zuerst muss er wissen, auf welchem analogen Radiokanal welche digitalen Programme „versteckt sind“. Dann muss er dieses Programm für etwa 7 Sekunden hören, danach erkennt der Tuner, dass die HD-Kanäle vorhanden sind, und danach kann man auf den HD-2, HD-3 oder HD-4 Sidechannel wechseln. Aber nur, wenn die Qualität des Signals gut genug ist. Im Bild oben ist sie es – die Farbe des HD Radios hat sich von weiß auf orange geändert, der HD-2 Kanal ist verfügbar. Wäre Spotify so aufgebaut, wäre es wohl kaum ein Erfolg geworden.

Das ist durchaus schade – denn die Idee, die Anzahl der Kanäle innerhalb des UKW Bands zu vervielfachen, ohne zusätzliche Kanäle wie etwa bei DAB/DAB+ zu belegen, ist mehr als reizvoll. Und manchmal funktioniert es auch, wie bei WJMZ:

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WJMZ spielt Adult R&B, auf HD2 gibt es Alternative Rock, auf HD3 mit „Chuck FM“ die lokale Version eines Jack/Bob FM-artigen-„we play what we want“-Classic Rock in coolem Gewand-Format. Und auf HD 4 der Simulcast von WTHZ, einer Urban-CHR Station aus einem benachbarten Sendegebiet. Alles natürlich stark komprimiert, aber mit gutem Processing durchaus anhörbar.

Die Navigation zu WTHZ ist allerdings was für Profis: Zuerst WJMZ einstellen, sieben Sekunden warten, dann dreimal auf den nächsten Sender weiterspringen, eine Sekunde warten, bis das HD-Signal gebuffert ist, und schon geht es los…für Normalbürger schwer zumutbar.

Mein Fazit: Gute Idee, schlechte Signalstabilität, und vor allem schlechte Navigation: Das Autoradio müsste in jeder Metro Area ein zentrales Programmdirectory bekommen, um dem User die Kanäle gezielt nach Name oder Genre aus Programmlisten anzubieten. Gleichzeitig sollten klare Marken auf HD senden (Disney, ESPN, CNN, Fox etc.), um den Usern klare Gründe zu geben, das Produkt auch zu nutzen.

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